Final Fantasy XV und William Shakespeare

Eigentlich ist es unmöglich, noch niemals zuvor von William Shakespeare gehört zu haben, selbst wenn man nicht an Literatur interessiert ist. Das liegt vor allem daran, dass es unzählige Adaptionen von Shakespeares Werken gibt.  So hat beispielsweise die berühmte US-Trickserie The Simpsons im Jahr 2002 in einer Folge Shakespeares Hamlet parodiert – wen wundert es da noch, dass sich auch Japan mit einem der bekanntesten Dichter Großbritanniens beschäftigt? Final Fantasy XV ist zwar noch nicht erschienen,  allerdings zeigt bereits das wenige gezeigte Material einen großen Einfluss von Shakespeare.

Von Familienfehden und verbotener Liebe

Die Geschichte um Romeo Montague und Julia Capulet gilt als eine der tragischsten Liebesgeschichten der Weltliteratur. Die Handlung von Shakespeares Drama ist im Nordosten Italiens, in der Stadt Verona, angesiedelt und handelt von den Verliebten Romeo und Julia, die aus verfeindeten Familien stammen. Dabei handelt es sich allerdings nicht nur um gegenseitige Ablehnung: Die Montagues und Capulets regeln ihre Streitigkeiten meistens blutig und Todesfälle gibt es innerhalb der Familien oft zu beklagen. Nachdem Romeo und Julia ohne das Wissen ihrer Familien eine Beziehung eingehen, hoffen diese, mit ihrer Hochzeit dem Konflikt zwischen ihren Familien ein Ende bereiten zu können. Wie festgefahren die Ablehnung zwischen den beiden Familien jedoch wirklich ist, wird klar, als Romeo Julias Cousin Tybalt ermordet und somit selbst Öl ins Feuer gießt.

Die junge Stella?

Die junge Stella?

Die Beziehung zwischen Romeo und  Julia ähnelt dem, was man aus bisherigen Trailern über die Verbindung zwischen Noctis Lucis Caelum und Stella Nox Fleuret mutmaßen kann. Die Grundlage vieler Probleme in der Welt von Final Fantasy XV ist dabei der letzte verbliebene Kristall. Dieser ist, wie der Zufall es wohl will, im Besitz der Lucis-Blutlinie, nachdem der Garnisonsstaat Niflheim bereits die Kristalle aus Accordo, Solheim und Tenebrae erbeutet und vermutlich zerstört hat.

Wie Tetsuya Nomura, der Direktor von Final Fantasy XV, in einem älteren Interview erwähnt hat, bringt der Besitz eines Kristalls diverse Vorteile für eine Nation mit sich. So war Lucis beispielsweise nur deswegen in der Lage, einen so hohen technologischen Stand zu erreichen, weil die Nation vom Kristall behütet wurde. Stellas Familie wiederum stammt aus einem der Länder, die ihren Kristall bereits verloren haben: Tenebrae. Nomura hat bereits bestätigt, dass Noctis und Stella um den Lucis-Kristall kämpfen werden, allerdings absolut unfreiwillig.

Auch das Fluchtmotiv, das Shakespeare in seiner Tragödie mit der Flucht Romeos nach Mantua aufgreift, wird in ausgedehnter Form in XV mit von der Partie sein: Noctis und seine Gefährten werden diverse Städte sowie Länder bereisen und dabei immer in Gefahr sein, von den Truppen Niflheims attackiert zu werden. Tatsächlich scheint das Fluchtmotiv ein zentrales in XV zu sein. Zum Beispiel zeigt uns der E3 2013-Trailer ein junges, blondes Mädchen, das einen Jungen durch eine neblige, düstere Landschaft zerrt. Die beiden mit Stella und Noctis zu assoziieren fällt nicht wirklich schwer. Eine weitere Szene, diesmal aus dem Trailer von 2011, zeigt den Spieler, der auf Regis Lucis Caelum (Noctis‘ Vater) zu läuft. Beide Szenen lassen aufgrund der hastigen Kamerabewegungen darauf schließen, dass die Protagonisten auf der Flucht vor jemandem sind.

Je nachdem, wie stark sich Nomura letzten Endes wirklich an Romeo und Julia orientiert, sollte man kein allzu optimistisches Ende erwarten. Am Ende des Dramas wählen Romeo und Julia schließlich den Freitod. Allerdings schafft es Shakespeare dem Tod der beiden wenigstens etwas Positives abzugewinnen, denn die Montagues und die Capulets versöhnen sich als sie am Grab ihrer Kinder stehen.

“There is nothing either good or bad,

but thinking makes it so.”

Allerdings hat Final Fantasy XV nicht nur Ähnlichkeiten mir Romeo und Julia. Die Bezüge zu einer weiteren von Shakespeares Haupttragödien, nämlich Die Tragödie von Hamlet, Prinz von Dänemark, sind auch stark ausgeprägt und interessanterweise zeitgleich offensichtlicher als auch versteckter als die Parallelen zu Romeo und Julia.

Die Rückkehr von Prinz Hamlet, der Protagonist des nach ihm benannten Stücks, in seine Heimat Helsingør steht unter keinem guten Stern. Sein Vater wurde angeblich vom Biss einer Schlange getötet, sein Onkel Claudius heiratet kurze Zeit nach der Beerdigung seines Vaters seine Mutter Gertrude und er selbst verfällt angesichts seiner deprimierenden Situation in eine tiefe Depression. Als Hamlet den Geist seines Vaters trifft, offenbart ihm dieser, dass er von Claudius vergiftet wurde als er schlief. Hamlet beginnt, an seiner Rache zu feilen und gibt sich deshalb auch in der Öffentlichkeit als Verrückter aus, womit Ophelia sehr zu kämpfen hat. Ophelia wurde in der Vergangenheit von Hamlet umworben, allerdings wird sie jetzt von ihm nur noch zurückgewiesen. Was folgt, ist eine Reihe von Ereignissen, die den meisten Figuren im Stück entweder das Leben oder den Verstand kosten.

Viele der älteren Trailer zu Final Fantasy XV, das damals noch als Final Fantasy Versus XIII bekannt war, beinhalteten das eingangs erwähnte Zitat, welches übrigens aus der zweiten Szene des zweiten Aktes von Hamlet stammt. Die Tatsache, dass es in so vielen Trailern erwähnt wurde, legt nahe, dass der Vers, der im Deutschen meistens mit „Denn an sich ist nichts weder gut noch schlimm, das Denken macht es erst dazu“ übersetzt wird, eine zentrale Bedeutung in der Handlung von XV haben wird.

In Shakespeares Drama spricht Hamlet den Vers, als er seinen vorgetäuschten Wahnsinn glaubhaft machen will. Nomura erwähnt, dass man nicht erwarten soll, dass Noctis ein durchschnittlicher RPG-Protagonist ist und tatsächlich suggeriert das bisher gezeigte Material, dass Noctis Gewalt beispielsweise nicht abgeneigt ist. Moral scheint in der Geschichte eine Rolle zu spielen, genauso wie die Frage, ob die eigenen Taten, mögen sie noch so grausig sein, ein höheres Ziel rechtfertigt. Hamlet dreht sich in erster Linie um Rache. Hamlet will Rache für den Tod seines Vaters, und geht dafür im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen.

Wie Noctis im E3 2013-Trailer erwähnt, ist Regis nach dem Angriff Niflheims auf die Unterzeichnungsfeier des Friedensvertrages zwischen Lucis und Niflheim auf der Flucht, und der Kristall scheint verloren. Bereits zwei Jahre zuvor kündigte Noctis in einem Gespräch mit Ignis Stupeo Scientia im 2011-Trailer an, Rache an jemandem üben zu wollen. Angesichts des Hamlet-Zitats fällt es hier daher nicht schwer, Noctis als eine Art modernen Hamlet zu betrachten.

Geht man davon aus, dass Hamlet die Grundlage für die Geschichte war, kann man ein paar Dinge mutmaßen, von denen ein paar aufgrund der Hinweise innerhalb der Trailer gar nicht mal so abwegig erscheinen. Der Hamlet von XV ist, wie bereits erwähnt, Noctis. Regis wäre demnach Hamlets Vater. Übrigens haben Hamlet und sein Vater im Drama von Shakespeare den gleichen Vornamen – auch die vollen Namen von Noctis und Regis, Noctis Lucis Caelum und Regis Lucis Caelum, ähneln sich sehr, was natürlich selbstverständlich keine Parallele zu Hamlet sein muss, sondern einfach die Folge ihrer Verwandtschaft sein kann.

"Claudius" im Hintergrund?

“Claudius” im Hintergrund?

Die Frage ist nun, wer der Claudius aus XV ist. Wer sich den E3-2013-Trailer Bild für Bild ansieht, findet Personen, die nicht am Ende des Trailers in der „Gegenüberstellung“ gezeigt werden. Darunter ist auch ein Mann, der Regis erschreckend ähnlich sieht, jedoch mit längerem Haar und dichterem Bart. Genau dieser Mann ist außerdem im Thronsaal zu sehen, als die Truppen Niflheims Lucis attackieren und interessanterweise scheint er der einzige zu sein, auf den nicht mit einer Waffe gezielt wird. Der Schluss, dass Regis und der ominöse Mann verwandt sein müssen, ist daher nicht wirklich abwegig. Durch die fehlende Waffe wird der Mann noch verdächtiger, aber natürlich ist all das nur Spekulation.

Wer allerdings trotz der Romeo und Julia-Analogien immer noch auf ein Happy End hofft, sollte durch die noch stärker ausgeprägten Hamlet-Bezüge allerdings endgültig desillusioniert werden. Wie bereits erwähnt, ist die Überlebenswahrscheinlichkeit in Hamlet extrem gering, und das gilt auch für die Protagonisten, die alle ein schreckliches Schicksal ereilt.

Neues aus der Kostüm-Abteilung, oder: William Shakespeare, Tetsuya Nomura und Baz Luhrmann

Dass Nomura sich auf elisabethanische Tragödien stützt, hält ihn und sein Team noch lange nicht davon ab, zu 100% die Ästhetik der damaligen Zeit zu übernehmen. Angesichts der Tatsache, dass das Europa Shakespeares ganz und gar nicht hygienisch war, war das aber vielleicht auch keine schlechte Entscheidung. Tetsuya Nomura hat sich für die Kleidungsentwürfe Hilfe beim japanischen Modehaus ROEN und den Designer Hiromu Takahara mit ins Boot geholt, die überwiegend durch moderne Designs mit leichten Gothic-Einflüssen glänzen.

Allerdings war Nomura nicht der erste, der auf die Idee kam, Shakespeare in einem modern angehauchten Setting neu umzusetzen. Baz Luhrmann, ein australischer Regisseur, der jüngst mit der Neuverfilmung des Klassikers Der große Gatsby für Aufsehen sorgte, hat bereits 1996 mit seiner Adaption von Romeo und Julia etwas Ähnliches ausprobiert. Er verlagert die Handlung in eine fiktionale Stadt namens „Verona Beach“, verändert die Figurenkonstellation und ändert einige Szenen ab. Gerade im Bezug zu Final Fantasy XV ist jedoch interessant, dass die Kleidungsentwürfe aus Luhrmanns Verfilmung manchen Kleidern in XV ähneln. So trägt Julia ein Kleid, das dem Partykleid von Stella verblüffend ähnlich sieht. Nomura hat sich auch in anderen Punkten an Luhrmann orientiert. Die Eröffnungssequenz zu Romeo und Juliet ähnelt sowohl in der verwendeten Musik als auch der Schnittfolge einem der frühen Trailer zum damaligen Final Fantasy Versus XIII.

“The rest is silence.“

Selbstverständlich ist dieser Artikel reine Spekulation. Wie sollte es auch anders sein? Final Fantasy XV wird uns wohl noch eine Zeit lang mit neuem Stoff für Gerüchte und Theorien versorgen, und auch danach wird es interessant sein zu sehen, inwiefern sich die eigenen Vermutungen bewahrheitet haben.

N-Spacian